{"id":5517,"date":"2021-01-11T12:43:16","date_gmt":"2021-01-11T10:43:16","guid":{"rendered":"https:\/\/jeremiasnussbaum.com\/?p=5517"},"modified":"2021-01-18T12:18:41","modified_gmt":"2021-01-18T10:18:41","slug":"nach-paris-muss-man-jetzt-nicht-unbedingt-eine-liebeserklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jeremiasnussbaum.com\/de\/5517\/nach-paris-muss-man-jetzt-nicht-unbedingt-eine-liebeserklaerung.html","title":{"rendered":"Nach Paris muss man jetzt nicht unbedingt &#8211; Eine Liebeserkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p>Nach Paris muss man jetzt auch nicht unbedingt. Das ist so einer dieser Orte, wo man meint, man m\u00fcsste da mal hin. Und dann war man da, da kann man dann dr\u00fcber reden. Aber jetzt so richtig toll fand man das dann auch nicht. Geht ihm jetzt schon seit 20 Jahren so. Er wollte allerdings nie hin. Also bleiben. Wollte nach Hongkong. Nach 6 Monaten Manege fegen bei einem deutschen Zirkus war er reif f\u00fcr die gro\u00dfe weite Welt. 19 frische Jahre auf dem Buckel, Abi trotz Zirkuswunsch gerade noch so mitgenommen, war es Zeit, Deutschland den R\u00fccken zu kehren und einmal um die Welt. Blo\u00df das gute Geld. 1500 DM hatte er zusammengefegt, in den letzten 6 Monaten. Das reichte gerade f\u00fcr das Flugticket. Dann w\u00e4re er tats\u00e4chlich mit leeren Taschen angekommen, in der damals gerade frisch entbritisierten China-Enklave.<\/p>\n<p>Also dann halt schnell den Umweg \u00fcber Paris. Von da gibt es Direktfl\u00fcge. T\u00e4glich. Schnell ein bisschen Geld verdienen und dann geht das weiter. Ja, und das geht jetzt seit 20 Jahren so. Da muss man sehr aufpassen mit solchen Aussagen. &#8222;Dann halt schnell&#8220;, &#8222;Schnell ein bisschen&#8220;, sowas kann schnell mal 20 Jahre dauern. Und dann steht man da. Schl\u00e4ft da. Lebt da. Kennt die Stadt so ziemlich in- und auswendig. Schreibt auf Franz\u00f6sisch, hat die Staatsb\u00fcrgerschaft und hat in Sachen Beziehungen von Nizza \u00fcbers Elsass bis zur Bretagne so ziemlich alles abgeklappert. Und spielt immer wieder den Deutschen in Film und Fernsehen. Das kann schnell mal zu einem Leben werden, so ein &#8222;Schnell ein bisschen&#8220;. Da muss man richtig aufpassen. Das ist das Gef\u00e4hrliche, an so einer Stadt. Nett ist die nicht, so eine gro\u00dfe kalte Stadt, die einen an einem kalten Februarmorgen mit geschlossenen Armen empf\u00e4ngt. Eine Stadt, in der keiner Englisch k\u00f6nnen will und alle so ziemlich gar nichts von einem wollen. Und geben wollen sie schon gar nicht. Schlimmer, sie halten nicht einmal zum Zuh\u00f6ren an. Eine Stadt, die was von sich h\u00e4lt. Wie er sie immer gehasst hat, die, die sich f\u00fcr wichtig hielten. Paris h\u00e4lt sich schon f\u00fcr sehr wichtig. Ist so eine richtig \u00fcble Geliebte. Verf\u00fchrt einen, aber l\u00e4sst einen nie richtig ran. Und wenn man dann mal l\u00e4nger weg f\u00e4hrt, dann kommt sie einem wieder so wunderbar vor. Und ruft dauernd an. Und wenn man dann zur\u00fcckkommt, sie in die Arme nehmen will, tut sie so, als w\u00e4re man Luft. Tja, und wenn man dann trotzig wird, so nach dem Motto &#8222;Jetzt aber erst recht&#8220;, dann sitzt man da so 20 Jahre sp\u00e4ter in seiner K\u00fcche, guckt \u00fcber den Square des Epinettes und wundert sich. Wie das jetzt alles so passiert ist. Und was C\u00e9cile jetzt wohl macht? Sie soll jetzt ja einen neuen haben. Der hat schon Kinder von einer Vorherigen. Dabei hat sie dich so belabert, von wegen der Kinder. Das war ihr wichtig. Und jetzt hat sie sozusagen adoptiert. Und Lara? Und Astrid? Und Marianne, eine der ersten Franz\u00f6sinnen?<\/p>\n<p>Und dann wird man halt so ganz schleichend Franzose, und nicht einer von den netten Franzosen aus der Bresso-Werbung, nein, so ein hochn\u00e4sig daherkommender Pariser Franzose, so einer, der meint er wei\u00df Bescheid, er kennt die Welt, so einer, der nicht einmal zum Zuh\u00f6ren anh\u00e4lt. Immer schnell l\u00e4uft, aber merkw\u00fcrdigerweise trotzdem immer Zeit hat, sich in ein Caf\u00e9 zu setzen und bei dem es immer nur um Frauen, Amour und irgendwas mit Kunst geht. Zum Kotzen sind die. Und dass man das dann auch noch mag. Und irgendwie stolz drauf ist. Darauf, dass man das laisser-faire, das in-den-Tag-leben so gut gelernt hat. Dass man jetzt das moralisch, gesellschaftlich verwerfliche, uns-auf-der-Tasche-liegende, vor-sich-hin-lebende K\u00fcnstlerdasein so voll aufgesogen hat und darin so aufgeht. Wie ge\u00e4rgert h\u00e4tte das den 19j\u00e4hrigen, ehrgeizigen Deutschen, der hier mit viel Eifer, Disziplin und Tellerw\u00e4scher-Million\u00e4r-Mentalit\u00e4t angekommen ist. Hat mit dem ersten Teil dieser Mentalit\u00e4t ja auch gut geklappt. Hat allerdings mehr Gl\u00e4ser als Teller gewaschen. Und jetzt sitzt er da, ohne Millionen, und ist auch noch zufrieden?! Wof\u00fcr h\u00e4lt der sich eigentlich? Eine Frechheit ist das! Sch\u00e4men sollte der sich. Macht er auch. Aber nur, wenn er zum zw\u00f6lften Mal am Tag bedauernd den Kopf sch\u00fcttelt und &#8222;D\u00e9sol\u00e9&#8220; murmelt und noch ein bisschen schneller l\u00e4uft, als h\u00e4tte er kein Kleingeld in der rechten Hosentasche, weil er das jetzt automatisch so macht. Ein sehr Pariser Reflex. Den lernt man schnell in dieser Stadt, die so schockierend ist wie alle Gro\u00dfst\u00e4dte, mit ihren Arm-Reich-Kontrasten, ihren aneinander vorbei wuselnden Einzelk\u00e4mpfern. Aber irgendwie halt doch nett. Kann man schon mitnehmen. F\u00fcr ein Wochenende mal. Aber 20 Jahre? Wenn sie mich fragen, v\u00f6llig \u00fcbertrieben!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Paris muss man jetzt auch nicht unbedingt. Das ist so einer dieser Orte, wo man meint, man m\u00fcsste da mal hin. Und dann war man da, da kann man dann dr\u00fcber reden. Aber jetzt so richtig toll fand man das dann auch nicht. Geht ihm jetzt schon seit 20 Jahren so. 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